Untersteuern vs. Übersteuern

 

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Untersteuern

 

Übersteuern

Die beiden Schreckgespenster jeden Autofahrers - Untersteuern, Übersteuern - haben in den letzten Jahren etwas von ihren Schrecken eingebüßt. Nicht etwa, weil die Autofahrer um soviel besser wurden, sondern vielmehr dadurch, das die Automobilhersteller die menschlichen Schwächen mit Hightech im Auto kompensieren - und das ist auch durchaus gut so.

Wer heute mit dem Auto fährt, bedingt durch den permanent zunehmenden Verkehr auf unseren Straße, muss immer mehr Entscheidungen in einem immer kürzer werdenden Zeitfenster treffen (Fußgänger, Kinder, Mutter mit Kinderwagen, Radfahrer, Moped, Mopedauto, zunehmender Schilderwald und und und). Da ist es, im Sinne der Verkehrssicherheit, durchaus begrüßenswert wenn elektronische Heinzelmännchen im Auto ihren Dienst in Systemen wie etwa ABS oder ESP versehen und durch automatische Eingriffe in die Fahrdynamik den Autofahrer einiges an gefährlicher Arbeit abnehmen. (Der Sportfahrer unter den Lesern möge mir verzeihen, doch geht es bei diesem Beitrag um Fahr- bzw. Verkehrssicherheit und nicht um Fahrtechnik, welche abseits der öffentlichen Straßen für die Erzielung möglichst kurzer Rundenzeiten eingesetzt wird.)

Grundsätzlich müssen wir uns vor Augen halten, dass wir mit persönlichen Einsatz (weiterführende Schulungen in Fahrsicherheitszentren besuchen) und den Einsatz von elektronischen Fahrhilfen durchaus die physikalischen Gesetzmäßigkeiten beeinflussen können, jedoch wir können diese mit Sicherheit nicht außer Kraft setzen. Das Autofahren ist ein Spiel zwischen Haftreibung und Gleitreibung, denn alle Kräfte die wir auf die Fahrbahn übertragen wollen (müssen im Ernstfall), müssen über die Bereifung an die Fahrbahn weitergegeben werden.

Bevor wir jetzt tiefer ins Detail dieser unterschiedlichen, jedoch dynamischen Bewegungen unseres Autos gehen, möchte ich ihnen noch gerne etwas mit auf den Weg geben:

Wenn es wirklich brennslich wird und ihre und die Künste ihres Autos am Ende sind erinnern sie sich an das Pedal in der Mitte (bei Autos mit Automatik das linke Pedal) - das Bremspedal. Auf dieses steigen sie kompromisslos mit voller Kraft drauf bis das Auto zum Stillstand kommt. Hierdurch bauen sie auf alle Fälle Geschwindigkeit ab und ein eventueller, nicht zu vermeidender Aufprall geschieht mit geringerer Geschwindigkeit als ohne Notbremsung.

 

 

 

Wenn wir nun mit zu hoher Geschwindigkeit (zu hoch für die Fahrbahnbeschaffenheit oder die bereits abgefahrenen Reifen) eine Kurve durchfahren wollen, wird die Fliehkraft höher sein als die zur Verfügung stehende Seitenführungskraft der Reifen. Somit wird das Auto entweder mit der Front oder dem Heck der Fliehkraft folgen - es wird entweder über die Vorderräder schieben oder das Heck wird ausbrechen. Diese Zusammenhänge zwischen den einzelnen, am Reifen wirkenden Kräfte, erklärt der Kamm´sche Kreis (Haftkreis).

 

 

  Der Kamm´sche Kreis (oder Haftkreis) zeigt uns in grafischer Form, wie es mit dem Grip (der Haftung) des Reifen bestellt ist.

Im Fahralltag ist der Reifen unterschiedlichen Kräften ausgesetzt.

  • Umfangskraft (Beschleunigung, Bremsung)
  • Seitenführungskraft (Fliehkraft)

Der Radius des Kreises zeigt das Ende der Haftung an. Werden nun die Spitzen der Kraftpfeile miteinander verbunden, ergibt sich eine resultierende Kraft (roter Pfeil). Liegt diese Kraft innerhalb des Kreises, ist noch Haftung gegeben - außerhalb nicht mehr (siehe Grafik).

Der Haftkreis ist umso größer, je griffiger der Fahrbahnbelag (trockener Asphalt, trockener Beton) und je höher die Radlast ist. Er ist somit umso kleiner, je weniger Grip die Fahrbahn aufweist (Eis, feuchte Fahrbahn) und umso geringer die Radlast ist.

Natürlich lassen sich diese Kräfte beeinflussen:

  • Fahrbahnzustand (griffig, glatt, ...)
  • Reifen (Profiltiefe, Alter, Winterreifen, Sommerreifen)
  • Luftdruck in den Reifen
  • statische und dynamische Radlast

Als Fazit kann angemerkt werden:

Das Autofahren ist ein Wechselspiel zwischen der Umfangskraft und der Seitenführungskraft. D.h. wir können nur dann eine Kurve in der gewünschten Linie durchfahren, wenn genügend Seitenführungskraft vorhanden ist, welche der Fliehkraft entgegenwirken kann. Die jedoch können wir durch die Fahrtgeschwindigkeit beeinflussen, denn - siehe Grafik - desto geringer die Umfangskraft (Geschwindigkeit) ist, umso mehr Seitenführungskraft steht für die Kurvenfahrt zur Verfügung.

 

 

 

 

Untersteuern - was ist das?

 
 

zur Abbildung

  • Auto fährt zu schnell in die Kurve ein

  • Fahrer lenkt ein - gibt die Richtung vor

  • Auto geht nicht "ums Eck"

  • Fahrer lenkt mehr ein

  • Vorderräder zu wenig Seitenführung

  • Auto schiebt über die Vorderräder gerade aus der Kurve hinaus

  • Fahrer geht, nicht ruckartig, vom Gas

  • Fahrer lenkt etwas zurück (macht Lenkung auf)

  • Fahrzeug stabilisiert sich

  • Fahrer lenkt in die ursprüngliche Fahrtrichtung

Beim "Untersteuern" schiebt das Auto, trotz eingelenkter Vorderräder, geradeaus aus der Kurve, ohne dem Lenkeinschlag zu folgen.

Was ist passiert?

Der erste Punkt ist konstruktionsbedingt, da die Autos vorne schwerer sind (hier befinden sich der Motor, alle Nebenaggregate, beim Frontantrieb selbiger) als hinten. Da die Fliehkraft, welche beim befahren einer Kurve der Seitenführungskraft des Reifens entgegenwirkt und das Auto nach außen zieht, diese ist  bei größerer Masse höher als bei geringerer Masse, schiebt das Fahrzeug über die Vorderräder in gerader Richtung aus der Kurve. Ein weiterer Punkt ist die Geschwindigkeit, mit der sie die Kurve durchfahren wollen. Ist diese zu hoch, gibt es auch hier keine Balance zwischen der Fliehkraft und der Seitenführungskraft. Auch hier folgt das Auto dem Lenkeinschlag nicht.

Weitere Faktoren für ein untersteuerndes Auto sind beispielsweise:

  • blockierende Vorderräder
  • Reifen
    • Alter beachten (mit den Jahren werden die Reifen härter)
    • Profiltiefe
    • falscher Reifendruck
    • Sommerreifen / Winterreifen
  • Fahrbahnbeschaffenheit
    • Trocken
    • Eis
    • Schnee
    • Nass
    • Feucht
    • feuchtes Laub
    • Verunreinigung (etwa aus der Landwirtschaft)
  • zu aggressives beschleunigen in die oder aus der Kurve (bei Frontantrieb)
  • Fahrwerk
    • kaputte Dämpfer vorne (überprüfen lassen)

Was können sie tun wenn es passiert:

  • Geschwindigkeit reduzieren
    • D.h. sie nehmen gefühlvoll das Gas zurück - nicht ruckartig, da sie ansonsten Gefahr laufen einen Lastwechsel zu provozieren und dadurch das Heck des Autos ausbrechen kann. Doch durch das zurücknehmen vom Gas geschieht eine dynamische Radlastverteilung (von hinten nach vorne). Dadurch werden die Vorderreifen mehr auf die Fahrbahn gedrückt, bekommen dadurch wieder mehr Kontakt mit dem Untergrund und können mehr Seitenführung aufbauen.
    • Auch können sie vorsichtig bremsen um Geschwindigkeit abzubauen. Hier gilt das Gleiche wie zuvor - Achtung auf einen Heckausbruch durch den Lastwechsel (siehe hierzu näheres unter "Übersteuern")
  • Lenkeinschlag belassen
    • D.h. das Lenkrad nicht noch weiter drehen und somit die Räder noch mehr in die Kurve lenken, denn wenn die Reifen den gewählten Lenkeinschlag nicht umsetzen können, können sie einen größeren Lenkeinschlag noch weniger umsetzen.
  • Lenkung aufmachen
    • D.h. um den Reifen zu helfen, Seitenführungskräfte aufbauen zu können, können sie die Lenkung aufmachen - den Lenkeinschlag etwas zurücknehmen (siehe Kamm´scher Kreis)
  • Auskuppeln, damit die Antriebsrädern nicht mehr angetrieben werden.

Was sollten sie nicht machen:

  • noch mehr einlenken
  • Gas geben
  • abrupt vom Gas gehen
    • Hierdurch provozieren sie einen Lastwechsel wodurch sie einen Heckausbruch herauf beschwören.
  • Handbremse ziehen
    • Auch hierdurch provozieren sie einen Lastwechsel wodurch sie einen Heckausbruch herauf beschwören. Außerdem kann es passieren, wenn sie die richtige Dosierung der Handbremse nicht erwischen, dass sie den gewollten Drift überziehen und dadurch nicht nur das Heck sondern das gesamte Auto verlieren. Der gezielte Heckausbruch mit der Handbremse braucht viel Übung und hat bei der Fahrsicherheit nichts zu tun. Hierbei handelt es sich um Fahrtechnik, welche sie in einem der Fahrtechnikzentren lernen und üben können.

ACHTUNG:

Wenn alle "sprichwörtlichen Stricke" reißen und alle versuche das untersteuernde Auto einzufangen fehlschlagen gibt´s nur noch eines - Lenkrad festhalten, Kupplung treten und voll auf die Bremse treten bis zum Stillstand des Autos.

 

 
 

Übersteuern - was ist das?

 
 

zur Abbildung

  • Auto fährt in die Kurve ein

  • Fahrer lenkt ein - gibt die Richtung vor

  • Fahrer gibt am Scheitelpunkt zuviel Gas

  • Gripverlust an der Hinterachse

  • Heck dreht sich in Richtung Kurvenaußenseite

  • Fahrer lenkt gegen die "Schleuderrichtung"

  • Fahrer geht vom Gas

  • Fahrer kuppelt aus

  • Fahrzeug stabilisiert sich

  • Fahrer lenkt in die ursprüngliche Fahrtrichtung

 

Beim "Übersteuern" schwingt das Heck des Autos in Richtung der Kurvenaußenseite, somit steuert das Auto mehr in die Kurve ein als dies notwendig wäre - es "übersteuert". Dies ist eine Eigenheit heckgetriebener Autos - in früheren Zeiten auch als "Heckschleuder" bezeichnet.

Warum "Heckschleuder"?:

Bei diesen Autos liegen Motor und Getriebe vor oder auf der Vorderachse. Die Kraftübertragung wurde über eine Kadanwelle in das Heck des Autos geführt, wo das Drehmoment (die Antriebeskraft) über das Differenzial und die Antriebswellen verteilt wurde. Da diese Bauweise sehr aufwendig und kostenintensiv war und noch dazu ein frontgetriebenes Auto auch noch gutmütiger zu fahren war, hat sich der Frontantrieb durchgesetzt. Nur noch wenige Hersteller aus dem oberen Preissegment und edle Sportwagenhersteller sind dem Heckantrieb treu geblieben.

Wie kommt es nun zum Heckausbruch?

Aufgrund der Anordnung der Aggregate in der Front des Autos und lediglich dem Gewicht von Differenzial und Antriebsachsen ist das Auto an seiner Vorderseite um einiges schwerer. Zu dieser Gewichtsverteilung (aus Gründen des redaktionellen Umfangs kann hier auf die unterschiedlichen Gewichtsverteilungen der Autohersteller nicht eingegangen werden) kommt noch die Positionierung der Passagiere, primär Fahrer und Beifahrer - somit beide in der 1. Sitzreihe, dazu. Somit wird bei einem harten (beherzten) Bremsmanöver, durch den Lastwechsel nach vorne (der Großteil des Fahrzeuggewichtes liegt somit auf der Vorderachse), die Hinterachse massiv entlastet. Diese "leichte" Hinterachse, am Kurvenbeginn, ist nun prädistiniert auszuschwenken, denn durch die große Radlast der Vorderräder bauen selbige einen starken Grip auf, was dazu führt, dass das Auto den eingeschlagenen Vorderrädern folgt. Die leichte Hinterachse baut jedoch zu wenig Seitenführung auf und dies führt sodann am Kurveneingang zum Heckausbruch.

Ein weiterer Punkt, der nun zu einem Heckausbruch führen kann ist, wenn am Scheitelpunkt der Kurve zu ungestüm Gas gegeben wird. Dies passiert deshalb, da das Auto beim durchfahren einer Kurve den meisten Grip (Bodenhaftung) am kurvenäußeren Vorderrad aufbaut - d.h. auch hier findet ein Lastwechsel nach vorne statt. Diese Lastverteilung ist nicht so groß als bei einer harten Bremsung, doch in Verbindung mit einem beherzten Gasstoß bricht das Heck unmittelbar aus.

Mit diesem Wissen ein Tipp - beim Reifenwechsel immer die besseren Reifen (mit mehr Profil) an der Hinterachse montieren.

Faktoren, warum ein Auto übersteuert:

  • leichte, entlastete Hinterachse (harte Bremsung und einlenken in die Kurve - provozierter Lastwechsel)
  • schlechte Bereifung an der Hinterachse
  • zu hoher Luftdruck in der Bereifung der Hinterachse
  • aggressives beschleunigen am Kurvenausgang

Was können sie tun wenn es passiert:

  • sofort und schnell gegenlenken
    • in Richtung des ausbrechenden Hecks lenken
  • nicht zuviel gegenlenken
    • Denn, wenn die ausgebrochenen Räder wieder Grip bekommen folgen diese wieder der Richtung der eingeschlagenen Rädern. Sind diese zuviel eingeschlagen, kommt der gefürchtete "Gegenpendler" - hier bricht das Heck erneut, jedoch in die entgegen gesetze Richtung, aus.
  • Blicktechnik
    • in die Richtung blicken, in die sie fahren wollen
  • Geschwindigkeit abbauen
    • Gas zurück nehmen, dadurch bekommen die Hinterräder wieder mehr Radlast und können wieder Grip aufbauen
  • auskuppeln
    • Dadurch unterbrechen sie die Kraftübertragung und die Räder laufen, nicht angetrieben, nur mit.

Was sollten sie nicht machen:

  • zuviel lenken
  • langsam lenken
  • Gas geben
  • die Reifen mit höheren Gebrauchspuren an der Hinterachse montieren

ACHTUNG:

Wenn alle "sprichwörtlichen Stricke" reißen und alle versuche das Heck einzufangen fehlschlagen gibt´s nur noch eines - Lenkrad festhalten, Kupplung treten und voll auf die Bremse treten bis zum Stillstand des Autos. In diesem Fall wird sich das Auto zwar ein oder mehrmals eindrehen (um die eigene Achse drehen), jedoch bauen sie durch die Notbremsung Geschwindigkeit ab und können, möglicherweise, einen schweren Unfall vermeiden.